Customer Experience · August 10, 2026
Inclusion and accessibility in citizen experience
Eine 72-jährige Rentnerin steht vor einem Terminal im Bürgeramt. Sie soll ihren Personalausweis online verlängern, aber das Formular verlangt eine Zwei-Faktor-Authentifizierung per App, die sie nicht installiert hat, und ein CAPTCHA, das sie nicht lesen kann. Die Alternative ist eine Hotline mit einer Wartezeit, die länger dauert als der eigentliche Behördengang früher gedauert hätte. Sie ist nicht "digital abgehängt". Der Dienst ist schlecht gebaut.
Genau hier liegt der Denkfehler, den ich in Verwaltungen quer durch Europa und den Nahen Osten immer wieder sehe: Barrierefreiheit wird als Zusatzfeature behandelt, das man am Ende eines Projekts noch "draufsetzt", wenn Budget und Zeit reichen. Meine These ist die Gegenteilige: Inklusion ist kein nachträglicher Härtetest für ein fertiges Produkt, sondern der beste Diagnosewerkzeug, das es für Service-Design gibt. Wer für die Bürgerin mit Sehbehinderung, den Vater mit drei Kindern im Schlepptau und den Mann ohne Smartphone entwirft, entwirft automatisch für alle anderen mit. Wer das umdreht, baut Systeme, die nur für die Ausnahme funktionieren: den digital versierten, geduldigen, fehlerfreien Nutzer, den es in der Realität kaum gibt.
Was bedeutet Inklusion in der Bürgererfahrung eigentlich?
Barrierefreiheit (Accessibility) bezeichnet die technische und gestalterische Eigenschaft eines Dienstes, von Menschen mit unterschiedlichen körperlichen, sensorischen oder kognitiven Fähigkeiten nutzbar zu sein. Inklusion geht weiter: Sie fragt, ob der Dienst tatsächlich alle Bevölkerungsgruppen erreicht und bedient – sprachlich, kulturell, sozioökonomisch, digital. Universal Design ist der gestalterische Ansatz, der beides von Anfang an mitdenkt, statt separate Lösungen für "Standardnutzer" und "Sonderfälle" zu bauen. Für Behörden ist der Unterschied entscheidend: Ein Dienst kann WCAG-konform und trotzdem exkludierend sein, wenn er etwa nur online verfügbar ist und Menschen ohne Bankverbindung oder festen Wohnsitz strukturell ausschließt.
Warum scheitert digitale Verwaltung so oft an Inklusion?
Weil Reibung in öffentlichen Diensten selten Zufall ist – sie ist oft das Ergebnis von Sparzwängen, veralteten IT-Systemen und der stillen Annahme, dass "die meisten Nutzer" schon zurechtkommen. Der Verhaltensökonom Richard Thaler hat für genau dieses Phänomen 2018 in seinem Artikel "Nudge, not sludge", veröffentlicht im Fachjournal Science, den Begriff Sludge geprägt: unnötige Reibung, die Menschen davon abhält, Leistungen zu erhalten, auf die sie Anspruch haben. Sludge trifft in der öffentlichen Verwaltung nie alle gleich stark. Ein zehnminütiges Formular ist für eine geübte Bürgerin ein Klacks und für jemanden mit Leseschwäche, Sehbehinderung oder unsicheren Sprachkenntnissen eine Wand. Genau deshalb ist Inklusion der schärfste Test für Sludge, den es gibt: Wenn ein Dienst für die Person mit der geringsten Ausgangsfähigkeit funktioniert, funktioniert er für praktisch jeden.
Der zweite Fehler ist die Digital-Only-Falle. Verwaltungen digitalisieren Kanäle, um Kosten zu senken, und schließen dabei physische oder telefonische Alternativen zu schnell. Das trifft ältere Bürger, Menschen mit kognitiven Einschränkungen und alle, die aus Vertrauensgründen lieber mit einem Menschen sprechen. Ein inklusiver Kanal-Mix ist kein Rückschritt gegenüber der Digitalisierung – er ist ihre Voraussetzung, wenn Vertrauen in den Staat das Ziel bleibt und nicht nur die Bilanz der IT-Abteilung.
Der Curb-Cut-Effekt: Warum Barrierefreiheit allen nützt
Die Stadtplanerin und Bürgerrechtlerin Angela Glover Blackwell beschrieb 2017 in ihrem Essay "The Curb-Cut Effect", erschienen in der Stanford Social Innovation Review, ein Phänomen aus der Stadtplanung der 1970er-Jahre: Bordsteinabsenkungen wurden ursprünglich für Rollstuhlfahrer eingeführt – genutzt werden sie heute von Eltern mit Kinderwagen, Reisenden mit Rollkoffern und Lieferdiensten. Die für die Minderheit gebaute Lösung wurde zur Infrastruktur für die Mehrheit.
Übertragen auf Bürgerdienste heißt das: Untertitel für Erklärvideos wurden für Gehörlose entwickelt, werden aber mehrheitlich von Pendlern ohne Kopfhörer genutzt. Einfache Sprache in Formularen wurde für Menschen mit kognitiven Einschränkungen entwickelt, hilft aber jedem, der ein Formular zwischen zwei Terminen ausfüllt. Barrierefreiheit ist selten ein Nischenprojekt für eine kleine Zielgruppe. Sie ist ein Hebel, der die Nutzungsqualität für die gesamte Bevölkerung anhebt – nur wird sie meist erst gebaut, wenn die kleine Zielgruppe laut genug protestiert hat.
Welche Standards und Gesetze setzen heute den Rahmen?
Der Rahmen ist inzwischen unmissverständlich, auch wenn viele Behörden ihn noch als Compliance-Übung behandeln statt als Gestaltungsprinzip. Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) des World Wide Web Consortium, aktuell in Version 2.2 vom Oktober 2023 (W3C), definieren vier Prinzipien: wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust. In der EU verpflichtet die Richtlinie (EU) 2016/2102 öffentliche Stellen dazu, Websites und mobile Anwendungen barrierefrei zu gestalten, üblicherweise nach dem Niveau WCAG 2.1 AA. Ergänzt wird das ab dem 28. Juni 2025 durch den European Accessibility Act (Richtlinie (EU) 2019/882), der Barrierefreiheitsanforderungen auf weitere Produkte und Dienstleistungen ausweitet, mit denen Bürger im Alltag interagieren, von Bankautomaten bis E-Commerce.
Standards sind eine Mindestlinie, kein Zielbild. Ich habe Portale gesehen, die technisch WCAG-konform waren und trotzdem an jeder echten Nutzerin scheiterten, weil niemand die Formulierungen der Fehlermeldungen mit tatsächlichen Nutzern getestet hatte. Compliance schützt vor Klagen. Nur Nutzertests mit echten Betroffenen schützen vor schlechten Diensten.
Welche Rolle spielt Verhaltensökonomie bei inklusivem Behördendesign?
Zwei Konzepte sind hier besonders wirksam. Das erste ist Choice Architecture – die Erkenntnis, dass die Art, wie Optionen präsentiert werden, das Verhalten stärker prägt als die Optionen selbst. Ein Behördenformular, das den digitalen Kanal als Standard vorauswählt und den persönlichen Termin drei Klicks tiefer versteckt, trifft eine Entscheidung für den Bürger, ohne es offen zu sagen. Guter Choice-Architecture-Einsatz in Bürgerdiensten bedeutet, den einfachsten Weg für die verwundbarste Nutzergruppe zum Standard zu machen, nicht für die Verwaltung mit den geringsten Betriebskosten.
Das zweite Konzept ist die Dual-Process-Theorie von Daniel Kahneman, populär gemacht in seinem Buch "Thinking, Fast and Slow" (2011): Menschen unter Stress, Zeitdruck oder Angst – etwa bei einem Antrag auf Sozialleistungen oder während eines Gesundheitsnotfalls – verlassen sich fast ausschließlich auf System 1, das schnelle, intuitive Denken. Ein Formular, das komplexes System-2-Denken verlangt – juristische Fachbegriffe, mehrdeutige Kategorien, unklare nächste Schritte – wird in genau den Momenten scheitern, in denen der Bürger am verwundbarsten ist. Inklusives Design reduziert kognitive Last systematisch: kurze Sätze, eine Handlung pro Bildschirm, sichtbarer Fortschritt, klare Standardoptionen. Das ist kein Nice-to-have für Menschen mit Einschränkungen. Das ist die Grundregel für jedes Formular, das in einer Krisensituation ausgefüllt wird.
Wie baut man inklusive Bürgerdienste auf? Ein Vorgehen in sieben Schritten
Inklusion entsteht nicht durch eine Richtlinie im Intranet. Sie entsteht durch ein wiederholbares Vorgehen, das früh im Projekt beginnt und nicht erst im Test kurz vor dem Launch.
- Zielgruppen kartieren, nicht schätzen. Erheben Sie, welche Anteile Ihrer Bürger mit welchen Einschränkungen, Sprachniveaus oder Kanalpräferenzen tatsächlich interagieren – über Feedbackdaten, nicht Annahmen.
- Mit Betroffenen co-designen, nicht für sie. Menschen mit Sehbehinderung, Analphabeten, ältere Bürger und Menschen mit Migrationshintergrund gehören ins Testpanel, bevor ein Prototyp steht – nicht erst danach.
- Reibung entlang der Journey kartieren. Bilden Sie den kompletten Weg als Service-Blueprint ab und markieren Sie jeden Schritt, an dem eine verwundbare Gruppe abbrechen würde.
- Kanalvielfalt als Standard, nicht als Ausnahme behandeln. Telefon, Schalter und digital müssen gleichwertig funktionieren, nicht nur formal existieren.
- Sprache radikal vereinfachen. Rechts- und Verwaltungssprache durch verständliche Formulierungen ersetzen, ohne rechtliche Präzision zu verlieren.
- Mit echten Nutzern testen, nicht nur mit Checklisten. Ein Automatentest gegen WCAG-Kriterien findet Codefehler, keine Verständnisprobleme.
- Nach Launch weiter messen. Abbruchraten, Anrufvolumen zu bestimmten Formularen und Beschwerdemuster zeigen, wo Inklusion in der Praxis noch fehlt.
Wer diesen Prozess ernst nimmt, findet schnell heraus, dass Inklusion eng mit der generellen Reife der Bürgerjourneys verknüpft ist. Eine unübersichtliche Journey ist für alle schlecht – für vulnerable Gruppen ist sie unbenutzbar.
Was kostet Exklusion – und wer zahlt dafür?
Der World Report on Disability, gemeinsam veröffentlicht von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltbank im Jahr 2011, schätzt, dass mehr als eine Milliarde Menschen weltweit – etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung – mit einer Form von Behinderung leben. Das ist keine Randgruppe, für die man am Ende noch einen Sonderkanal einrichtet. Das ist ein wesentlicher Teil jeder Bürgerschaft, verstärkt durch alternde Gesellschaften, in denen Sehschwäche, Gehörverlust und motorische Einschränkungen mit dem Alter zunehmen.
Wenn dieser Anteil an der Nutzung digitaler Dienste scheitert, verschwindet die Nachfrage nicht. Sie wandert in teurere Kanäle: überlastete Hotlines, überfüllte Schalter, handschriftliche Beschwerden, die manuell bearbeitet werden müssen. Jede exkludierende Journey verschiebt Kosten von der Gestaltungsphase in den Betrieb – und meist unsichtbar, weil niemand die Kosten des Scheiterns systematisch verfolgt. Genau hier liegt der Business Case, den viele Verwaltungen übersehen: Inklusion senkt operative Kosten, weil sie Fehlnutzung, Rückfragen und Eskalationen reduziert, bevor sie entstehen. Wer diesen Zusammenhang greifbar machen will, findet in der CX Maturity Assessment einen Ausgangspunkt, um die eigene Reife über zwölf Bausteine hinweg ehrlich einzuordnen.
Was unterscheidet gute von performativer Inklusion?
Ich habe genug Verwaltungen begleitet, um den Unterschied zwischen echter und performativer Barrierefreiheit auf den ersten Blick zu erkennen. Ein paar verlässliche Signale:
- Testpanels mit echten Betroffenen statt interner Simulation von Einschränkungen durch Mitarbeiter.
- Messbare Abbruchraten pro Nutzergruppe statt einer generischen Zufriedenheitszahl für "alle Nutzer".
- Alternative Kanäle mit gleicher Servicequalität statt einer Hotline, die nur als Feigenblatt existiert und in Wahrheit unterbesetzt ist.
- Barrierefreiheit im Budget der Projektphase, nicht als nachträgliches Ticket im Bugtracker.
- Einfache Sprache als Standard-Output der Rechtsabteilung, nicht als Übersetzung, die irgendwann "wenn Zeit ist" nachgereicht wird.
Performative Inklusion erzeugt ein Häkchen auf einer Compliance-Liste. Echte Inklusion erzeugt einen Dienst, der weniger Beschwerden, weniger Rückrufe und weniger stille Wut erzeugt – bei allen Bürgern, nicht nur den lautesten.
Wie hängt Inklusion mit dem Vertrauen in den Staat zusammen?
Jede gescheiterte Interaktion mit einer Behörde ist für den Bürger auch eine Aussage über den Staat als Ganzes. Anders als im privaten Sektor kann ein Bürger bei einem schlecht gestalteten Behördenformular nicht einfach zum Wettbewerber wechseln. Das erhöht den Einsatz: Wo private Unternehmen Kunden verlieren, verlieren Behörden Legitimität. Der Nielsen Norman Group weist seit Jahren darauf hin, dass Barrierefreiheit und Usability sich gegenseitig verstärken, statt in Konkurrenz zu stehen – ein Prinzip, das für staatliche Dienste doppelt gilt, weil Wiederholungsnutzung hier unvermeidbar ist. Bürger müssen zurückkommen, ob der Dienst gut war oder nicht. Ihre Meinung über den Staat entscheidet sich in diesen erzwungenen Wiederholungen.
Wer diesen Zusammenhang in der eigenen Organisation greifbar machen will, sollte nicht bei der Technik anfangen, sondern beim Service Design der gesamten Journey und bei der systematischen Anwendung von verhaltensökonomischen Prinzipien auf jeden Kontaktpunkt, an dem Bürger mit Reibung, Angst oder Unsicherheit konfrontiert sind. Ergänzend lohnt sich ein Blick auf verwandte Fragen der Journey-Gestaltung, etwa wie man Self-Service so gestaltet, dass Menschen ihn tatsächlich bevorzugen, und wie man die entscheidenden Momente der Wahrheit in der Journey findet und behebt – Momente, die für vulnerable Gruppen fast immer zuerst kippen.
Der Blick voraus
Verwaltungen, die Inklusion weiterhin als letzte Ausbaustufe eines Projekts behandeln, werden in den nächsten Jahren spüren, wie teuer diese Reihenfolge ist – durch überlastete Callcenter, sinkendes Vertrauen und Bürger, die sich abwenden, obwohl sie sich den Staat nicht aussuchen können. Die Verwaltungen, die stattdessen bei der Bürgerin mit der größten Hürde anfangen, werden feststellen, dass sie nebenbei den Dienst für alle anderen gebaut haben. Das ist keine moralische Kür. Das ist, wie gutes Service-Design im öffentlichen Sektor immer funktioniert hat: von der Ausnahme zur Regel, nie umgekehrt.
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