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Customer Experience · September 22, 2026

Dienstleistungen gemeinsam mit Kunden gestalten

S
Sophie Becker
8 min read
Dienstleistungen gemeinsam mit Kunden gestalten
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Ich habe schon Workshops erlebt, in denen zwanzig Kundinnen und Kunden drei Stunden lang Klebezettel an eine Wand pappen – und am Ende landet keiner dieser Zettel in der Roadmap. Co-Design mit Kunden ist eine der meistmissbrauchten Methoden im Service Design, weil sie mit Beteiligungstheater verwechselt wird. Echtes Co-Design verändert, was gebaut wird. Alles andere ist ein teures Fotomotiv für den Geschäftsbericht.

Die These dieses Beitrags ist einfach: Co-Design funktioniert nur, wenn Kunden echte Entscheidungsmacht über einen klar begrenzten Teil des Service erhalten – nicht wenn sie eingeladen werden, Feedback zu einem fertigen Konzept zu geben und das dann "Partizipation" genannt wird. Der Unterschied zwischen beiden Ansätzen entscheidet darüber, ob am Ende ein Service entsteht, den Kunden tatsächlich annehmen, oder ein weiteres Projekt, das in der Schublade der gescheiterten Initiativen verschwindet.

Was bedeutet Co-Design mit Kunden konkret?

Co-Design ist die gemeinsame Gestaltung eines Service durch Anbieter und Kunden, bei der Kunden in der Entwurfsphase – nicht erst in der Testphase – reale Entscheidungen über Struktur, Ablauf oder Touchpoints treffen. Das unterscheidet Co-Design fundamental von klassischer Marktforschung: Bei einer Umfrage bewerten Kunden etwas, das schon existiert. Bei Co-Design bauen sie mit.

In der Service-Design-Praxis heißt das konkret: Kunden sitzen am Tisch, wenn ein Service-Blueprint entsteht, sie priorisieren Touchpoints im Journey Mapping, und sie testen Prototypen früh genug, dass ihre Reaktion die nächste Iteration noch beeinflusst. Das Modell stammt aus der Tradition des Participatory Design, wie sie die Design-Beratung Nielsen Norman Group in ihrem Überblicksartikel zu Participatory Design beschreibt: Nutzer werden nicht als Untersuchungsobjekt behandelt, sondern als Mitgestalter mit eigenem Expertenwissen über ihren Alltag.

Warum scheitern die meisten Co-Design-Workshops?

Die meisten Co-Design-Workshops scheitern nicht am Format, sondern an der Machtfrage: Das Unternehmen lädt Kunden ein, aber niemand im Raum hat das Mandat, aus ihren Ideen tatsächlich etwas zu verändern. Das Ergebnis ist eine Simulation von Mitbestimmung, die am Montagmorgen in einer Schublade verschwindet.

Ich sehe drei typische Bruchstellen:

  • Fehlende Entscheidungsbefugnis im Raum. Wenn niemand mit Budget- oder Produktverantwortung teilnimmt, bleiben alle Ergebnisse Empfehlungen – und Empfehlungen sterben in der internen Priorisierung.
  • Zu später Einstieg. Kunden werden gebeten, ein fast fertiges Konzept zu kommentieren. Das ist Validierung, keine Gestaltung – und Kunden merken den Unterschied sofort.
  • Keine Rückmeldeschleife. Wer beiträgt und nie erfährt, was aus seinem Beitrag wurde, beteiligt sich kein zweites Mal. Reziprozität ist keine Nettigkeit, sie ist die Bedingung für zukünftige Kooperation.

Der Ökonom C.K. Prahalad und sein Co-Autor Venkat Ramaswamy beschrieben dieses Grundproblem bereits in ihrem 2000 in der Harvard Business Review erschienenen Artikel Co-opting Customer Competence: Unternehmen, die Kunden nur als Testpersonen für fertige Lösungen behandeln, verschenken das eigentliche Kapital – das Wissen der Kunden über ihre eigene Erfahrung.

Wie unterscheidet sich Co-Design von klassischem Voice-of-Customer?

Voice-of-Customer sammelt, was Kunden über eine Erfahrung sagen; Co-Design lässt Kunden mitentscheiden, wie die nächste Erfahrung aussieht. Beides gehört zusammen, aber es sind unterschiedliche Werkzeuge mit unterschiedlichem Zeitpunkt im Prozess.

Eine gut aufgesetzte Voice-of-Customer-Strategie liefert die Rohdaten: Beschwerden, NPS-Kommentare, Interviewzitate, Beobachtungen aus dem Mystery Shopping. Co-Design ist der Schritt danach – der Moment, in dem diese Rohdaten nicht nur analysiert, sondern gemeinsam mit den Menschen, von denen sie stammen, in Entwürfe übersetzt werden. Wer nur die erste Disziplin betreibt, bekommt exzellente Diagnosen und mittelmäßige Lösungen, weil die Lösungsfindung wieder allein im Unternehmen passiert.

Warum steigert Mitgestaltung die Wertschätzung eines Service?

Kunden bewerten einen Service höher, wenn sie selbst daran mitgearbeitet haben – unabhängig davon, ob das Ergebnis objektiv besser ist. Dieser Effekt heißt IKEA-Effekt und wurde 2012 von den Verhaltensökonomen Michael Norton, Daniel Mochon und Dan Ariely in ihrer im Journal of Consumer Psychology veröffentlichten Studie The IKEA Effect: When Labor Leads to Love nachgewiesen: Probanden, die ein Möbelstück selbst zusammenbauten, bewerteten es systematisch wertvoller als identische, bereits fertig montierte Stücke.

Für Service Design heißt das: Ein Kunde, der bei der Gestaltung eines Onboarding-Prozesses mitgewirkt hat, verteidigt diesen Prozess später eher, auch wenn er nicht perfekt ist. Eigenarbeit erzeugt psychologisches Eigentum – den sogenannten Endowment-Effekt in seiner konstruktiven Variante. Das ist kein Freifahrtschein für schlechtes Design, aber es erklärt, warum co-gestaltete Services eine Widerstandsfähigkeit gegen kleine Fehler entwickeln, die rein intern entworfene Services nicht haben.

Der Effekt hat allerdings eine Schattenseite, die man kennen muss. Die Forscherinnen Neeli Bendapudi und Robert Leone untersuchten in ihrer 2003 im Journal of Marketing veröffentlichten Studie zur Kundenbeteiligung an Co-Produktion ein verwandtes Phänomen: Kunden, die freiwillig mitgestalten, sind zufriedener – aber wenn etwas schiefgeht, schreiben sie sich Erfolge selbst zu und Fehler dem Unternehmen. Co-Design erhöht also die Bindung im Erfolgsfall, verschärft aber die Erwartungshaltung im Fehlerfall. Wer Kunden mitgestalten lässt, übernimmt damit auch die Verantwortung, ihre Beiträge sichtbar ernst zu nehmen.

Ein Kunde, der mitgebaut hat, verzeiht kleine Fehler. Ein Kunde, der nur befragt wurde, verzeiht gar nichts.

Wie läuft ein Co-Design-Workshop ab, der tatsächlich etwas verändert?

Ein wirksamer Co-Design-Workshop hat eine enge Frage, echte Entscheidungsträger im Raum und einen sichtbaren Weg vom Zettel an der Wand zur Umsetzung. Die folgende Abfolge hat sich in Projekten über Branchen hinweg – von Banken bis Einzelhandel – als robuste Grundstruktur bewährt:

  1. Scope eng schneiden. Nicht "Verbessert unsere Customer Experience", sondern "Gestaltet gemeinsam die ersten fünf Minuten nach der Kontoeröffnung." Ein enger Scope zwingt zu konkreten Entscheidungen statt zu allgemeinen Wünschen.
  2. Die richtigen Kunden einladen, nicht nur die lautesten. Mischen Sie zufriedene, frustrierte und neue Kunden. Wer nur Fans einlädt, bekommt Bestätigung; wer nur Kritiker einlädt, bekommt Wut ohne Lösungsansatz.
  3. Mit dem aktuellen Blueprint starten, nicht mit einem leeren Blatt. Zeigen Sie den bestehenden Ablauf als Ausgangspunkt. Kunden gestalten leichter, wenn sie etwas zu kritisieren und zu verändern haben, als wenn sie aus dem Nichts erfinden sollen.
  4. Prototypen bauen lassen, nicht nur bewerten lassen. Papierprototypen, Rollenspiele, physische Touchpoint-Karten – die Hand muss im Spiel sein. Nur dann greift der IKEA-Effekt.
  5. Ein Mandat mit am Tisch haben. Ein Produktverantwortlicher oder Bereichsleiter muss live sagen können: "Das setzen wir um" oder "Das nicht, und hier ist der Grund." Ohne diese Stimme im Raum ist der Workshop Theater.
  6. Innerhalb von zwei Wochen zurückmelden, was passiert ist. Jede Idee, ob umgesetzt oder verworfen, bekommt eine begründete Antwort an die Teilnehmenden. Diese Rückmeldeschleife ist der Unterschied zwischen einmaliger Beteiligung und wiederkehrender Zusammenarbeit.

Diese Struktur lässt sich in bestehende Service-Design-Prozesse einbetten, ohne den gesamten Design-Zyklus umzubauen. Das britische Design Council beschreibt in seinem bekannten Double-Diamond-Modell genau diese Logik: Divergenz und Konvergenz wechseln sich ab, und Kunden gehören in beide Phasen, nicht nur in die Validierung am Ende des zweiten Diamanten.

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Welche Touchpoints eignen sich für echtes Co-Design – und welche nicht?

Co-Design lohnt sich am meisten an den Touchpoints, die hohe emotionale Bedeutung und hohe Ambiguität kombinieren – dort, wo Kunden eine Erwartung haben, die das Unternehmen selbst nicht präzise kennt. Reine Backend-Prozesse ohne Kundenkontakt gehören nicht in einen Co-Design-Workshop; dort zählt betriebliche Effizienz, nicht Kundenperspektive.

  • Gut geeignet: Onboarding-Momente, Beschwerde- und Eskalationsabläufe, Momente des Vertrauensaufbaus (z. B. Vertragsunterzeichnung, erste Rechnung), Wiederaufnahme nach einem Servicefehler.
  • Weniger geeignet: interne Logistikprozesse, regulatorisch vorgeschriebene Abläufe mit null Gestaltungsspielraum, hochtechnische Backend-Systeme ohne direkten Kundenkontakt.
  • Meistens unterschätzt: der Moment nach dem eigentlichen Servicefehler – gerade dort, wo eine gut gestaltete Eskalationsstrategie aus einem verlorenen Kunden einen loyalen Fürsprecher machen kann, wenn die Wiedergutmachung gemeinsam mit Betroffenen entwickelt wurde.

Wie bindet man Mitarbeitende in den Co-Design-Prozess ein?

Ein Service, der nur mit Kunden co-designt wird, aber ohne die Frontline-Mitarbeitenden, die ihn tragen müssen, kollabiert an der Umsetzung. Die Mitarbeitenden kennen die operative Realität – Schichtpläne, Systemgrenzen, Ausnahmefälle –, die im Workshop-Raum unsichtbar bleibt.

Die wirksamste Struktur, die ich immer wieder einsetze, ist der gemischte Workshop: Kunden und Frontline-Mitarbeitende gemeinsam am selben Tisch, nicht in getrennten Sessions, die später zusammengeführt werden. Das erzeugt Reibung – und diese Reibung ist produktiv, weil sie Annahmen offenlegt, die beide Seiten für selbstverständlich hielten. Ein Kundenberater, der hört, warum ein Kunde eine bestimmte Wartezeit als respektlos empfindet, gestaltet anders als einer, der das nur aus einem Bericht liest.

Wie misst man, ob Co-Design tatsächlich funktioniert hat?

Co-Design ist erfolgreich, wenn co-gestaltete Touchpoints messbar bessere Werte erzielen als vergleichbare, rein intern entworfene Touchpoints – nicht, wenn der Workshop gute Stimmung hinterlassen hat. Stimmung ist kein Erfolgsindikator, weil sie nichts über die operative Wirkung aussagt.

Drei Kennzahlen sind dafür geeignet:

  • Annahmequote der co-designten Lösung im Vergleich zur intern entworfenen Vorgängerversion – etwa Abschlussraten, Nutzungsquoten oder Wiederholungsverhalten.
  • Veränderung der Kundenzufriedenheit am betroffenen Touchpoint, gemessen vor und nach der Einführung, nicht als globaler NPS-Durchschnitt.
  • Beteiligungsquote bei Folge-Workshops – kommen frühere Teilnehmende wieder, wenn sie erneut eingeladen werden? Das ist der direkteste Reziprozitäts-Indikator, den es gibt.

Wer den ökonomischen Effekt von CX-Investitionen generell greifbarer machen will, findet mit dem CX-ROI-Rechner einen praktischen Einstieg, um Verbesserungen an einzelnen Touchpoints in eine belastbare Business-Case-Sprache zu übersetzen – ein Argument, das intern oft mehr bewegt als jedes Workshop-Foto.

Welche Governance-Struktur macht Co-Design nachhaltig statt einmalig?

Co-Design bleibt eine Eventaktivität, solange es keinen festen Platz im jährlichen Planungszyklus hat. Die Organisationen, die davon dauerhaft profitieren, verankern Kundenbeteiligung als wiederkehrenden Bestandteil ihrer CX-Governance-Strategie – mit festen Budgetlinien, einem Kundenpanel, das nicht nach dem ersten Workshop aufgelöst wird, und klaren Eskalationswegen für Ideen, die Priorität verdienen, aber kurzfristig nicht umsetzbar sind.

Ein einfacher Test, ob diese Verankerung existiert: Kann jemand im Unternehmen sofort benennen, wann der nächste Co-Design-Workshop stattfindet – ohne dass dafür erst ein neues Projekt aufgesetzt werden muss? Wenn nicht, war der letzte Workshop ein Einzelereignis, kein Prozess.

Was ändert sich, wenn Kunden zu Mitgestaltern werden?

Der eigentliche Gewinn von Co-Design ist selten die einzelne Idee, die aus dem Workshop kommt. Es ist die Verschiebung der Beziehung: Aus einem Unternehmen, das für Kunden entscheidet, wird eines, das mit ihnen entscheidet. Diese Verschiebung lässt sich nicht auf einer Folie zusammenfassen, aber man spürt sie, wenn ein Kunde eine neue Funktion im Gespräch als "unser" statt "euer" Feature bezeichnet.

Der nächste Schritt für Teams, die diesen Wandel ernst nehmen wollen, ist selten ein größerer Workshop – es ist ein engerer. Ein einziger, klar begrenzter Touchpoint, echte Entscheidungsmacht im Raum und eine Rückmeldung, die niemand vergisst zu geben. Alles Weitere folgt daraus.

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Sophie Becker
Renascence

Writing on how human behavior shapes the experiences brands deliver — at the intersection of behavioral economics and customer experience.

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